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Lukas Bärfuss: «Ich beneide Musiker»

Der Thuner Autor Lukas Bärfuss hat eine grosse Affinität zur Musik. An den Schlosskonzerten Spiez vom 16. bis 30. Oktober kommt es als Auftakt zum Blind Date zwischen ihm und den die Volksmusikszene aufmischenden Evelyn und Kristina Brunner.

Lukas Bärfuss

SP: Lukas Bärfuss, der Autor der mächtig-abgründigen, dunkel-dräuenden Worte, an den Schlosskonzerten: Was interessiert Sie an der Musik?
LB: Musik ist ganz wichtig für mich. Ich komponiere meine Texte musikalisch. Der Rhythmus und der Klang sind das absolut Entscheidende. Daher ist es sehr naheliegend, dass ich mich nach Spiez begebe zu diesen wunderbaren Schlosskonzerten und mit den beiden Musikerinnen Evelyn und Kristina Brunner diesen Abend bestreite. Ich habe immer viel mit Musikern zusammengearbeitet. Auch im Theater.

In Spiez wird das Wort der Musik gegenübergestellt. Wie ist das Vorgehen mit den beiden Brunner-Schwestern?
Es ist ein ziemliches Blind Date. Und das ist auch so geplant. Wir werden uns schon noch über den Ablauf absprechen. Das Interessante daran ist, sich in diesem Moment zu begegnen. Interessant wird auch sein, zu sehen, wie meine Texte zu dieser angeschrägten Volksmusik passen, die auf eine spezifische Weise mit der Tradition umgeht. Ich als Schriftsteller hege einen Neid gegenüber Musikern.

So?
Ich muss immer Inhalt transportieren. Und das beschränkt die Form. Die ist nur so weit gültig, wie sie diesen Inhalt transportieren kann. Davon ist die Musik entledigt. Flaubert hat mal gesagt, er möchte einen Roman über nichts schreiben. Und das wäre eigentlich die Musik.

Dann ist das für Sie ein ersehnter Auftritt, den Sie ja auch schon an den Bach-Wochen in der Stadtkirche Thun vor nicht allzu langer Zeit hatten?
Das in der Stadtkirche war etwas ganz anderes, nämlich wirklich eine Intervention und eine Auseinandersetzung mit dem Text einer Bachkantate. Meine Aufgabe war es, diese Schichten freizulegen und herauszufinden, was da eigentlich genau in dieser Bachkantate steht. Und das war leider ziemlich unerfreulich. Aber die Musik ist wunderbar. Das war jedoch ein ganz anderer Ansatz und ein anderes Konzept.

Und nun in Spiez?
Hier ist es eine Begegnung zwischen zwei Musikerinnen und einem Schriftsteller. Und das ist weniger diskursiv von meiner Seite her.

Heisst das auch, dass sich die Schwestern Brunner mit Ihrem Text «Malinois» befassen und allenfalls Stimmungen und Kontraste herausarbeiten?
Weil wir uns erst in diesen Tagen treffen, ist das noch nicht angesprochen worden. Diese Begegnung im Vorfeld möchte ich aber zu dieser Begegnung am Konzert machen. Wenn man sich begegnet, weiss man etwas über die Bedingungen. Was dann geschieht, müsste eigentlich Teil dieser Improvisation und spontanen Begegnung sein. Ich werde sicher mit einem ziemlichen Pack Text hingehen und versuchen, darauf zu reagieren, was geschieht.

Es könnte also auch sein, dass musikalisch etwas angetönt wird und Sie sich überlegen, welche Ihrer Textpassagen oder Kurz­geschichten im Sinne eines Zusammenspiels da am besten passen würde?
Man hofft natürlich, dass sich das in einem Ganzen fügt. Das wäre das Ziel. Bei Brecht heisst diese Methode immer «Trennen und Verbinden». Das klingt wie ein Gegensatz. Aber das eine ist die Voraussetzung des anderen.

Das Prinzip des Offenlassens...
Ja, es ist auch generös von den Schlosskonzerten, dass wir diesen Freipass erhalten.

Können Sie sich denn vorstellen, dass die titelgebende Geschichte «Malinois» auch vorgelesen würde? Neben den Themen Erinnern und Vergessen stirbt da ein Hund und lieben sich zwei Menschen gleichzeitig. Kann so etwas auch in der Kirche funktionieren?
Ha, da machen Sie mir jetzt aber ein bisschen Angst. Das ist natürlich ein Text, bei dem es um Tod und Begehren geht, die beiden grossen Pole der Kunst und der Literatur. Der Text müsste eigentlich, gerade weil er sehr viele christliche Bezüge hat, in dieser Kirche sehr gut aufgehoben sein. Er würde auch deshalb passen, weil er sehr perkussiv funktioniert. Jedes Mal, wenn ich den Text vorlese, fühle ich mich eigentlich wie ein Schlagzeug.

Mit Pausen und dann Interventionen der Musik könnte man das doch ineinander hineinfliessen lassen...
Ausgezeichnete Idee! Ich werde das den Musikerinnen vorschlagen. Ich wüsste schon, wo man eigentlich mit der Musik kommen müsste. Es gibt aber auch einige andere Texte, die infrage kommen. Aber ich werde zuerst hören, was Evelyn und Kristina Brunner sagen. Und dann bin ich ganz sicher, dass wir da etwas Schönes zusammenbringen. Ich jedenfalls freue mich sehr auf diese Gelegenheit.

Wie erleben Sie denn jene Texte aus «Malinois», die etwa schon 20 Jahre zurückliegen?
Das ist sehr unterschiedlich. Man kann nicht viel verstecken. Wenn man Texte publiziert, die über so eine lange Zeitspanne entstanden sind, kommen die Themen, die einen beschäftigen, gnadenlos an die Oberfläche. Zum Beispiel die Fixierung auf die Hunde in meinem Werk (grinst) ist ja schon sehr auffällig. Woher das kommt, weiss ich eigentlich nicht genau. Es scheint aber etwas zu sein, dass mich doch sehr beschäftigt.

Zur Pandemie: Sie spielt in Ihrem Schreibprozess eine wichtige Rolle.
Ich habe die Pandemie publizistisch ein bisschen begleitet und habe immer wieder darüber geschrieben. Es ist erstaunlich, wie kulturbildend Epidemien in der Geschichte gewesen sind. Die europäische Literatur beginnt mit der «Illias», und die «Illias» beginnt mit der Erfahrung einer Seuche im griechischen Heer. Die Erfahrung, die wir jetzt auch machen, ist jene, dass Hierarchien ins Wanken geraten und dass alles, was etwas gegolten hat, überprüft werden muss. Es scheint eine ewige Erfahrung zu sein. Und diese wird zur Literatur.

Sie haben sich ja auch zu den ersten Tagen des Lockdown geäussert.
Ich schrieb im März im «Spiegel» über die allgemeine Sorglosigkeit in der Schweiz. Das war damals, als einige der Berner Oberländer Orte ihre Skigebiete noch offen hatten und der Regierungsrat verlauten liess, dass beim Skifahren Social Distancing möglich sei. Die Kommunikationsstrategie des Bundesrates fand ich damals auch nicht der Situation angemessen.

Und wie schätzen Sie die Lage jetzt ein?
Die Situation ist ganz anders. Aber das Verhalten in der Öffentlichkeit finde ich nach wie vor viel zu nachlässig. Es ist absolut notwendig, dass wir aufmerksam bleiben, Masken tragen, Distanz halten und Hände waschen. Wir wollen alle keinen weiteren Lockdown. Das würde uns ruinieren.

Kulturanlässe können wieder unter starken Auflagen stattfinden. Von der Normalität sind wir weit entfernt.
Wie wir gesehen haben, stellen unsere Gefühle keine zuverlässigen Indikationen für die Zukunft zur Verfügung. Zurzeit ist die Situation extrem unübersichtlich. Ich stelle fest, dass die kulturellen Veranstaltungen für die Menschen einem vitalsten Bedürfnis entsprechen. Für die Menschen gibt es ein grosses Bedürfnis nach Austausch und intellektueller Auseinander­setzung.

Was hat Ihre Rolle als dreifacher Familienvater mit Ihnen gemacht?
Durch die Kinder kommt man in sehr engen Kontakt mit dem Staat - durch die Schule. Man ist immer am Zahn der Zeit, weil die Kinder am Zahn der Zeit sind. Die sind in allen Widersprüchen und Verwerfungen mitten drin - eigentlich zuvorderst in der Brandung. Das ist wie ein beständiger Workshop.

Hat das auf die Radikalität der Themen oder Anliegen bei Ihnen einen Einfluss gehabt?
Ja, das geht jedem Vater und jeder Mutter so. Eines Tages kommen die Kinder mit Fragen, die man nicht beantworten kann. Und dann muss man sich irgendwie dazu verhalten. Eine grundsätzliche Frage ist doch: Du, Papa, welche Ausbildung soll ich jetzt machen? Was muss ich lernen, damit ich im 21. Jahrhundert ein glückliches Leben führen kann? Was sind die Regeln, was sind die Werte?

Die sind nicht für alle klar...
Alles ist sehr fragwürdig geworden. Ich bin in solchen Dingen ein wertkonservativer Mensch. Ehrlichkeit und Höflichkeit sind für mich ganz zentrale Werte. Ich sehe nur, dass ich langsam in einen Erklärungsnotstand gerate, weil man in dieser Gesellschaft sehr weit kommt mit Lügen und Unflätigkeiten. Was macht man damit? Wo sind da die Vorbilder?

Sicher nicht gewisse Staatsmänner...
Dazu gehören nicht nur die Politiker, sondern auch die Wirtschaftsvorstände, wo kriminelles Verhalten mittlerweile offenbar zum Geschäftsmodell gehört. Was macht man damit? In der Vergangenheit war es immer wieder zu sehen: An unseren Wertvorstellungen hängt einfach ein Preisschild. Das zeichnet nicht ein sehr gutes Bild von uns.

Interview: Berner Oberländer vom 7.10.2020, Svend Peternell

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