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5. Schlosskonzert Spiez

Die ganze Vielseitigkeit der Gitarre

Nicht nur der musikalische Tropenregen machte das Nachmittagskonzert des Barrios Guitar Quartets zum akustischen Genuss.

Das Wetter war wechselhaft am Sonntagnachmittag. Doch nicht nur das Wetter: auch ein Saiteninstrument vermochte es, dem internationalen Publikum seine Vielseitigkeit vorzuführen" die Gitarre. Auf dem Programm standen am 5. Spiezer Schlosskonzert dieser Saison Werke von Boccherini, Purcell, Moreno Torroba, Stravinsky, Weill und Brouwer. Mit dieser spannenden Kombination schafften die vier Musiker den Spagat zwischen klassischem Gitarrenspiel und ungewohnten Klangwelten.

Tanzende Feen

Bei Henry Purcells Suiten aus "The Fairy Queen" etwa konnte man sich den vergnüglichen Tanz der Feen bildlich vorstellen, die sich auf der grünen Spielwiese getreu nach Shakespeare austoben. Doch so schnell, wie es lebhaft wurde, wurde es auch gleich wieder verträumt melancholisch" wie etwa die Liebesklage.

Noch eine weitere Verwandlungskünstlerin versteckte sich in der Klangwelt der Gitarre: Die Pulcinella, eine der wohl berühmtesten Figuren aus der Commedia dell'arte war durch Stravinsky zu neuem Leben erweckt worden, nachdem Pergolesi sich zur Zeit des opulenten Barocks ihrer angenommen hatte. Die unverwechselbare Rhythmik und Harmonie Stravinskys hat das Quartett denn auch perfekt herausgearbeitet.

Dreigroschenmusik

Ihren Schalk haben Nangialai Nashir, Stefan Hladek, Ulf Borcherding und Martin Wentzel vor allem bei der "kleinen Dreigroschenmusik" aufblitzen lassen. Kurt Weill hatte die berühmte "Dreigroschenoper" seinerzeit so umgeschrieben, dass sie auch rein instrumental spielbar wird. Dass eine Gitarre aber tatsächlich singen kann, wusste bis zur Moritat von Mackie Messer wohl kein Konzertbesucher. Umso erheiterter waren denn auch die Gesichter. Beim "Kanonensong" polterte es bisweilen mit Hilfe von Zimbale und Gitarre als Schlagzeug so heftig, dass man sich schon fast im Krieg wähnte, während Pollys Lied sanft und leise durch die Räumlichkeiten schwebte.

Musikalischer Regen

Den offiziellen Abschluss des Konzerts bot Brouwers "Cuban Landscape with Rain"" ein Stück, das bei den Zuhörern ein Gefühl auslöste, als würden sie bis auf die Haut durchnässt werden. Zuerst nur vereinzelte kleine Regentropfen, dann immer mehr, bis sie grösser zu werden begannen und der Regen mit seiner ganzen Heftigkeit losbrach. Dann kam auch noch der Hagel hinzu. Unerwartet wurde er abgelöst vom sanften Tauregen, der sich immer mehr abschwächte. Kaum noch hörbar, übertönte ihn die knarrende Konzertbestuhlung während der letzten paar Sekunden.

So tosend wie der Regen, war zum Schluss auch der Applaus: Die vier Musiker bedankten sich dafür mit zwei Zugaben von Andrew York und Antonio Vivaldi der Jahreszeit entsprechend.

Text: Berner Oberländer vom 10. Mai 2006, Karina Eggermann

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