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Die beiden Organisatorinnen der Schlosskonzerte Spiez und Thun

"Wir haben nur Höhepunkte!"

Die Spiezer Schlosskonzerte starten am Samstag, die Thuner folgen am 29. Mai. Was verbindet oder unterscheidet die beiden Festivals? Die Organisatorinnen Marianne Vogel Kopp und Anne-Marie Hottinger unterhalten sich darüber.

Anne-Marie Hottinger und Marianne Vogel Kopp, Sie organisieren beide klassische Sommerkonzert-Reihen. Das in einer Zeit, in der das Durchschnittsalter Ihrer Besucherinnen und Besucher deutlich über dem Mittel der Schweizer Bevölkerung liegt.

Anne-Marie Hottinger: Wenn wir 40-jährige Konzertbesucher haben, bleiben diese uns noch 40 Jahre erhalten. Viele glauben immer, man müsse die Jungen in die Konzertsäle locken. Aber das schaffen wir beim heutigen Jugendangebot ja gar nicht.
Marianne Vogel Kopp: Ich sehe das ebenso. Wir müssen jene Menschen abholen, die aus dem Angebot der Jugendkultur herauswachsen sind und etwas anderes suchen. Das leisten bei uns an den Spiezer Schlosskonzerten die Familienkonzerte oder Jazz-Matinéen. Aber konkurrieren mit dem Freizeitangebot der Jugendlichen können wir nicht.

Marianne Vogel Kopp, Sie schreiben in Ihrem Begleittext zum Programm, die Schlosskonzert-Dame sei in die Jahre gekommen. Sie könne sich aber als "schräge Alte" augenzwinkernd einmischen. Wie setzen Sie das um?

Vogel Kopp: Indem wir dieses Jahr beispielsweise erstmals aus der Spiezer Schlosskirche hinaus auf die Strasse treten. Der Kleinkünstler Gerhard Tschan ist unser "Vehikel". Seine musikalische Komik bildet auch den roten Faden durch die "Heimatinée" am darauffolgenden Sonntagmorgen. Oder unser Auftakt-Konzert: Noch nie wurde in einer Militär-Kaverne ein Konzert gegeben! Da werden wir ganz neue Klangfelder erobern, spüren, wie aus der Stille allmählich Klänge erwachen. Das ist übrigens jenes Konzert, auf das ich gegenwärtig am meisten angesprochen werde. Und das meine ich auch mit der augenzwinkernden 60-jährigen Dame: Wir foutieren uns um konventionelle Grenzen. Wir sind frisch, frech und mutig.
Hottinger: Das finde ich toll! Wenn unsere Konzertreihen weiterbestehen sollen, müssen wir Grenzen aufbrechen. Das Problem ist nur: Als Konzertveranstalter steht man immer zwischen den Kritikern, die Neues fordern, und dem Publikum, das gerne Bewährtes möchte. Da haben es die Spiezer sicher einfacher, die mit 130 Besuchern und Besucherinnen bereits ausverkauft sind. Wir in Thun spielen hingegen in Sälen, die mindestens 250 Personen fassen, der Schadausaal gar 750. Die zu füllen ist wesentlich schwieriger.

Anne-Marie Hottinger, auch Sie gehen neue Wege. Das diesjährige Programm steckt voller Überraschungen. Krempeln Sie die Thuner Schlosskonzerte um?

Hottinger: Nein überhaupt nicht. Aber 2006 ist ein ausserordentliches Jahr, deshalb sind zwei Dinge anders. Nummer 1 ist der Zeitpunkt: Als wir vor über zwei Jahren mit der Planung 2006 anfingen, wussten wir, dass die Fussball-WM am 9. Juni starten wird. Daher haben wir die Thuner Schlosskonzerte sehr konzentriert zwischen das Ende der Spiezer-Reihe und den Beginn der WM gelegt: Vom 29. Mai bis 8. Juni. Was bedeutet: Ausnahmsweise gibt es jeden Abend ein Schlosskonzert in Thun. Nummer 2 ist unsere damalige Überlegung, dass wir 2007 das 40-jährige Bestehen feiern könnten, aber der Schadausaal dann wegen der Ausbauarbeiten geschlossen wäre. Also haben wir bereits für dieses Jahr "Perlen" ausgesucht, die auch aus technischen Gründen nur im Schadausaal auftreten können.

Welches sind Ihre jeweiligen Höhepunkte an den diesjährigen Schlosskonzerten?

Hottinger: Wir haben nur Höhepunkte!
Vogel Kopp: Alles ist toll; die persönliche Highlight-Auswahl überlassen wir unserem Publikum. Was sich aber abzeichnet: Der "Flötenzauber" ist gemäss Vorverkauf überaus beliebt. Ich persönlich bin gespannt auf das vierte Konzert mit Daniela Eaton-Freiburghaus. Ich habe ihr im Rahmen unseres Budgets eine finanzielle Vorgabe gemacht und ihr ansonsten völlig freie Hand gelassen. Was uns genau erwartet sind eben "geheimnisvolle Zeichen".
Hottinger: Bei uns in Thun ist dies beim Konzert mit Giora Feidmann und dem deutschen Schriftsteller Thomas Vogel der Fall. Da treffen sich Literatur und Klezmer-Musik. Thomas Vogel hat ein Buch über einen Klarinettisten geschrieben und liest daraus vor. Giora Feidmann liefert die musikalischen Improvisationen. Ich bin gespannt, wie die beiden das umsetzen.

Zwei Schlosskonzert-Reihen" eine Region: Konkurrenzieren und ergänzen Sie sich mit Ihren Angeboten?

Vogel Kopp: Zeitlich ergänzen wir uns. Seit gut elf Jahren achten wir auf eine Staffelung: Die Spiezer beginnen, die Thuner folgen nahtlos.
Hottinger: Ja, wir sind seit meinem Beginn vor elf Jahren zu guten Partnern geworden. Wir kritisieren uns auch gegenseitig und besuchen jeweils die Konzerte der anderen.
Vogel Kopp: Und wir besitzen beide Experimentierfreude. Ab und zu gestalten wir auch ein gemeinsames Projekt.
Hottinger: Ein solches ist zum 40-Jährigen der Thuner Schlosskonzerte geplant: Wir besuchen im Jahr 2007 unsere Schwester in Spiez.

Das klingt nach vielen Gemeinsamkeiten: Wird mittelfristig eine Fusion angestrebt?

Hottinger: Nein, sicher nicht. Wir sind beide in unseren jeweiligen Ortschaften eingesessen.
Vogel Kopp: Das sehe ich genauso. Wir haben als ältere Schwester der Thuner Schlosskonzerte eine eigene Identität: "klein, fein und eigenständig". In Spiez haben wir zudem das Glück, dass wir als Schloss-Partner die Kirche gratis benützen dürfen.
Hottinger: Da habt ihr in der Tat Glück! Denn bei uns Thunern sind die Mietkosten für Rittersaal, Schadausaal, Beau-Rivage und Scherzligkirche sehr hoch. Dafür haben wir die bessere Ausgangslage innerhalb der Stadt.

Mit welchen Budgets operieren Sie?

Hottinger: Pro Jahr rund 200 000 Franken. Und dazu kommt jede Menge ehrenamtliche Arbeit von Frauen.
Vogel Kopp: Wir haben ein jährliches Budget von rund 55 000 Franken. Zwei Drittel davon geben wir für Gagen aus.

Wo stehen die beiden Schlosskonzert-Reihen im Jahr 2016?

Hottinger: Sicher nicht mehr mit mir als Organisatorin. Aber wir haben noch einiges im Köcher.
Vogel Kopp: Ich hoffe, dass ich bis in zehn Jahren ebenfalls eine Nachfolgerin gefunden habe. Bei uns ist klar, dass unser Sommerfestival nicht weiter wachsen wird. Das Limit ist in Sachen Freiwilligen-Arbeit, Budget und Zuhörerkreis sicher erreicht. Eine Verkleinerung ist denkbar" auch als "geschrumpfte Greisin" wären wir noch immer die Spiezer Schlosskonzerte.

Text: Berner Oberländer

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